{"id":424,"date":"2019-07-15T13:20:42","date_gmt":"2019-07-15T11:20:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.regattaverein-wuerzburg.de\/?page_id=424"},"modified":"2019-07-15T13:20:42","modified_gmt":"2019-07-15T11:20:42","slug":"wie-helmut-schmidt-geburtshilfe-zu-unserer-heutigen-bocksbeutelregatta-leistete","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.regattaverein-wuerzburg.de\/?page_id=424","title":{"rendered":"Wie Helmut Schmidt &#8222;Geburtshilfe&#8220; zu unserer heutigen Bocksbeutelregatta leistete"},"content":{"rendered":"<p><strong>G\u00fcnter J\u00e4ckel geh\u00f6rt zu den \u201eUrgesteinen\u201c des W\u00fcrzburger Rudersports. Ab 1960 leitete er knapp 10 Jahre lang den W\u00fcrzburger Regattaverein zusammen mit Franz Fersch (ARCW). Welche Aufbauarbeit auch in dieser Zeit noch zu leisten war und durch welche Widrigkeiten hindurch die W\u00fcrzburger Regatten immer weitergef\u00fchrt wurden, erz\u00e4hlte er uns in einem Interview im Januar 2019. Au\u00dferdem erfahren wir, wie ein anderes Urgestein, diesmal aus der gro\u00dfen Politik, der Altbundeskanzler Helmut Schmidt, eine gewisse Mitverantwortung daf\u00fcr tr\u00e4gt, dass die Bocksbeutelregatta in der heutigen Form noch existiert\u2026<\/strong><br \/>\n<em>Interview: Tilman Schenk<\/em><\/p>\n<p>Vermutlich kennt fast jede\/r eine solche Geschichte aus dem Ruderverein: Meist wird man nicht lange darauf vorbereitet, ein Ehrenamt zu \u00fcbernehmen, sondern es f\u00e4llt einem zu. So ging es auch G\u00fcnter, als er im Jahre 1960 an einem lauen Sommerabend das Bootshaus betrat, eigentlich nur um Bier zu genie\u00dfen: \u201eUnd wie ich das Bootshaus wieder verlassen habe, war ich zweiter Vorsitzender vom W\u00fcrzburger Regattaverein.\u201c Es hatte sich herausgestellt, dass der bisherige Vorsitzende, Herr Hopf, in der eben stattfindenden Versammlung des Regattavereins seinen R\u00fccktritt erkl\u00e4rt hatte. G\u00fcnter war zur falschen Zeit am richtigen Ort und sagte sofort zu, die Verantwortung zusammen mit Franz Fersch zu \u00fcbernehmen. G\u00fcnter bemerkt mit einer gewissen Selbstironie: \u201eIch war vor allem so ein dummer Hund, der immer ja gesagt hat!\u201c<br \/>\nDabei hatte er noch gar keine Wettkampfrichterpr\u00fcfung abgelegt, was in der damaligen Zeit aber ohnehin nicht als gro\u00dfes Hindernis gesehen wurde, wie er erz\u00e4hlt: \u201eBis Ende der 1950er Jahre ist das ganze Schiedsrichterwesen so \u00fcber den Daumen gepeilt worden. Das waren also alte M\u00e4nner, die waren Schiedsrichter, die haben im Gro\u00dfen und Ganzen wenig Ahnung gehabt vom Regelwerk. Die sind halt hinten nachgefahren und haben gesagt \u201eDu!\u201c und \u201eDu!\u201c und so ging das.\u201c Erst in den 1960er Jahren gab es in S\u00fcddeutschland die Initiative seitens des Rhein-Neckar-Bodensee-Regattaverbandes und seines Vorsitzenden Friedrich Bei\u00dfwenger aus Mannheim, Schiedsrichterpr\u00fcfungen zu veranstalten. An einer solchen hat auch G\u00fcnter im Jahr 1961 in Neckarelz seine Lizenz erhalten: \u201eVorher hatte es gehei\u00dfen, der Bubi Kaidel (aus Schweinfurt) soll euch vorbereiten auf die Pr\u00fcfung, aber die Vorbereitung bestand darin, dass der gesagt hat, ach ihr wisst doch schon alles, und die Sache war erledigt! Da sind wir also nach Neckarelz gereist, da war dann am Nachmittag ein Einf\u00fchrungslehrgang vom Herrn Bei\u00dfwenger, und am n\u00e4chsten Morgen sollte die Pr\u00fcfung stattfinden. Da haben wir gesagt, eigentlich m\u00fcssten wir jetzt was tun! Also haben wir uns wirklich die halbe Nacht oder noch l\u00e4nger mit dem Regelwerk besch\u00e4ftigt. Dann war fr\u00fch eine theoretische Pr\u00fcfung, das ging ganz gut. Und dann war die praktische Pr\u00fcfung mit dem Herrn Bei\u00dfwenger, da gings furchtbar zu. Es ging darum, ein Boot zu warnen, dass auf einen Pfeiler zufuhr, da hat er gesagt, das darf ich nicht. Da habe ich gesagt: Sie, ich bin 2. Vorsitzender von meinem Verein, ich schau nicht zu, wie ein Boot kaputt geht! Ja, dann sind Sie eben kein richtiger Schiedsrichter, hat er geantwortet. Also sch\u00f6n, habe ich da gedacht, du bist durchgefallen. Das hat dann 14 Tage gedauert, dann habe ich meine Lizenz zugeschickt gekriegt. War also nicht durchgefallen.\u201c<br \/>\n\u00dcberhaupt schien der fr\u00e4nkische Rudersport noch viel st\u00e4rker an die bereits bestehenden Ruderhochburgen an Rhein und Neckar orientiert, als innerhalb Bayerns. Es waren eben die dortigen anderen Regattaveranstalter, von denen es zahlreiche gab, auch in kleineren St\u00e4dten, mit denen Regattatermine und Ausschreibungen abgestimmt werden mussten. Nat\u00fcrlich noch ohne Internet: \u201eDa sind wir immer nach Mannheim gefahren oder Stuttgart, wo die halt getagt haben, und haben uns mit denen auseinandergesetzt, dass wir da nicht terminlich kollidiert haben. Also das war eine harte K\u00e4mpferei.\u201c Schlie\u00dflich kam das W\u00fcrzburger Team auf die Idee, die Regatta zeitgleich mit einer Regatta in Mainz zu veranstalten, jedoch die Ausschreibung untereinander abzustimmen: \u201eWir haben uns dahingehend geeinigt, die Rennen, die die am Samstag ausschreiben, die schreiben wir am Sonntag aus und umgekehrt. Das hat dann auch geklappt, dass die samstags in Mainz dann sonntags zu uns gekommen sind und umgekehrt. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen!\u201c<br \/>\nBegonnen hat in W\u00fcrzburg alles mit einer 2000-Meter-Regatta mit Kurve, sp\u00e4ter wurde dann auch durch die L\u00f6wenbr\u00fccke hindurchregattiert, eine gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr die Schiedsrichter und die Ruderer, den mitten im Fahrwasser stehenden Pfeiler nicht zu treffen! In der damaligen Zeit, ohne moderne Kommunikationsmittel, eine logistische Herausforderung, zu deren Bew\u00e4ltigung man sich hoheitliche Hilfe holte: \u201eDer Franz Fersch hat also fertiggebracht, dass das Fernmeldebatallion 12 kam. Da gabs einen Oberfeldwebel Bleinert, der hat sich also begeistert f\u00fcr die Sache, und Telefonleitungen auf den Maingrund gelegt.\u201c Und damit die unsachgem\u00e4\u00dfe Entfremdung des Milit\u00e4rbestandes nicht auffiel, hatte man eine Vereinbarung: \u201eDie sind also vollgetankt aus der Kaserne rausgefahren gekommen und wieder vollgetankt hinein! Die haben dann auf unsere Kosten wieder getankt und sind wieder zur\u00fcckgefahren. Das war also eine tolle Sache. Sp\u00e4ter ging das dann nicht mehr. Als Helmut Schmidt Verteidigungsminister war, hat der das dann abgestellt, dass solche Dinge gemacht worden sind. Und da haben wir gesagt, also da m\u00fcssen wir jetzt die Strecke verk\u00fcrzen, das schaffen wir nicht mehr.\u201c<br \/>\nAuf diese Weise hat also Helmut Schmidt, damals noch Bundesverteidigungsminister, die ersten \u00c4nderungen an der W\u00fcrzburger Regatta mitverursacht. Aber auch beinahe jede andere wichtige Zutat zu einer gelungenen Regatta musste unter gro\u00dfem Aufwand hergestellt werden: \u00dcberspannungen \u00fcber den Main f\u00fcr die Regattabahnen wurden angebracht, wof\u00fcr ein W\u00fcrzburger Dachdeckermeister und Ruderer, Otto Cleve, seine gesamt Belegschaft abordnete. Selbst die Startnummern f\u00fcr die Boote hat G\u00fcnter aus Offenbach herbeigeschafft \u2013 und nach der Regatta zur\u00fcckgebracht.<br \/>\nWie heute auch noch, gelten die Sorgen eines Regattaveranstalters einem ausreichenden Meldeergebnis und gutem Wetter. \u201eEs muss 1966 gewesen sein, als w\u00e4hrend der Regatta das Regenwasser so geflossen war, dass es Hochwasser gab und wir in der Nacht von Samstag auf Sonntag die Insel, die damals als Bootslagerplatz benutzt wurde, r\u00e4umen mussten, weil das Wasser so gestiegen war. Und am n\u00e4chsten Tag mussten wir fr\u00fch abbrechen, weil nichts mehr zu machen war. Damals gab es noch eine Flussmeisterstelle in W\u00fcrzburg. Der zust\u00e4ndige Flussmeister, ein gewisser Herr Schlien, mit dem haben wir sehr gut zusammengearbeitet, der hat uns dann am Sonntag fr\u00fch einen Eisbrecher zur Verf\u00fcgung gestellt, der den ganzen Regattaausschuss raufgefahren hat zur Heidingsfelder Br\u00fccke und dann haben sich zwei Einerruderer bereit erkl\u00e4rt, einen Probestart zu machen, die haben wir \u00fcberhaupt nicht mehr gesehen, so schnell waren die weg. Da haben wir gesagt, Aus, Schluss, Feierabend.\u201c Die teilnehmenden Vereine beschlossen damals einstimmig, ihr Meldegeld nicht zur\u00fcckzuverlangen, so dass der Regatta der wirtschaftliche Verlust erspart blieb\u2026<br \/>\nNat\u00fcrlich entstehen auf Regatten aber auch immer wieder Geschichten, die einem zwar im Moment \u201edas Herz in die Hose rutschen\u201c lassen, mit einigem zeitlichen Abstand aber als launige Geschichte erz\u00e4hlt werden k\u00f6nnen. Etwa wie eine der Schreibmaschinen, mit denen einst die Ergebnisse getippt wurden, unter Strom stand und dem Bediener einen elektrischen Schlag versetzte. Oder wie man ein Zuschauerzelt aufstellte und mit einem Zelthering das Telefonkabel des Wasser- und Schifffahrtsamtes, das die Schleusenbesatzungen verband, durchtrennte\u2026<br \/>\nBesonderer Aufwand musste auch beim Meldeschluss getrieben werden. Eine wichtige Rolle spielte dabei die so genannte \u201eKuhhaut\u201c. Dahinter verbarg sich keineswegs ein tierisches Produkt, sondern eine gro\u00dfe Tafel: \u201eUnd dann musste eingetragen werden, welches Rennen, die Betr\u00e4ge und daraus hat sich ja dann der Anteil berechnet, der an den Ruderverband abzuf\u00fchren war. Und dann hat der Mist nicht gestimmt von hinten bis vorne, weil man alles von Hand gerechnet hat! Die Meldeschl\u00fcsse waren fr\u00fcher also schon eine Aktion.\u201c Allein aus dieser Formulierung von G\u00fcnter J\u00e4ckel l\u00e4sst sich der Schwei\u00df ablesen, der f\u00fcr die Organisation zu dieser Zeit vergossen wurde: \u201eWenn Meldeschluss war, habe ich zwei Tage Urlaub gebraucht. Sonst ging\u2019s nicht. Und wenn die Regatta rum war, habe ich auch einen Tag Urlaub gebraucht.\u201c<br \/>\nDie Ruderg\u00e4ste, einige Hundert oft, wollten nat\u00fcrlich auch \u00fcbernachten. Ohne Internet und Recherchem\u00f6glichkeiten musste auch dies organisiert werden. Zum Gl\u00fcck sa\u00df auch hier wie so oft ein Ruderer an der richtigen Stelle: \u201eDer damalige Verkehrsdirektor der Stadt W\u00fcrzburg, der Dr. Hans Schneider, der war ARCW-Mitglied. Und \u00fcber den ist uns dann gelungen, dass das Fremdenverkehrsamt der Stadt W\u00fcrzburg die Quartiergeschichte \u00fcbernommen hat. Die haben dann einen f\u00fcr uns abgestellt, den Herrn Strobel. Und die Meldungen f\u00fcr Quartiere gingen jahrelang sofort an den, und der hat die dann untergebracht in den Hotels in der Stadt. Es gab zwar viele so kleinere Hotels, und es sollte ja auch preiswert sein, aber wenn du das machen musstest, das war ja so ungef\u00e4hr als wenn du Kieselsteine sortierst.\u201c<br \/>\nWenige Jahre sp\u00e4ter zog es G\u00fcnter dann zu h\u00f6heren \u00c4mtern \u2013 oder vielmehr ist er \u201enauf gerutscht\u201c, wie er sagt. Weil ein stellvertretender Vorsitzender des Bayerischen Ruderverbands mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war und der bayerische Referent f\u00fcr Schiedsrichterwesen \u00fcberraschend gestorben, \u00fcbernahm G\u00fcnter kurzerhand beide \u00c4mter: \u201eDa haben die gesagt, dann machst du das noch dazu, dann hast du wenigstens eine echte Aufgabe!\u201c Dazu wurde ihm auch angetragen, die internationale Wettkampfrichterpr\u00fcfung zu machen, damals noch auf Franz\u00f6sisch. \u201eAn einem Faschingssonntag, werde ich nie vergessen, im Bootshaus der Frankfurter Germania, drau\u00dfen hat sich der Faschingszug formiert und wir haben drinnen die internationale Pr\u00fcfung gemacht!\u201c Dabei konnte G\u00fcnter gar nicht Franz\u00f6sisch, sondern hatte sich zusammen mit zwei anderen Aspiranten in den vorherigen Wochen m\u00fchsam die auf Regatten gebr\u00e4uchlichen Ausdr\u00fccke und Formulierungen selbst beigebracht. Dem Pr\u00fcfer blieb dies freilich nicht verborgen, wie G\u00fcnter erz\u00e4hlt: \u201eDer m\u00fcndliche Teil war ja etwas dubios. Mich hat der Herr van der Ploeg gepr\u00fcft, das war ein Holl\u00e4nder, und der hat gesagt, also Ihr Franz\u00f6sisch ist noch verbesserungsw\u00fcrdig. Da habe ich gesagt, ja das wei\u00df ich. Und daraufhin haben wir uns dann unterhalten \u00fcber sein Hotel, er hat mir erz\u00e4hlt, er war Getreideh\u00e4ndler und dass sie da immer ihre Kongresse abhalten. Das war dann eine gem\u00fctliche Pr\u00fcfung, und dann war das vorbei\u2026 So bin ich also internationaler Schiedsrichter geworden\u2026\u201c<br \/>\nZur\u00fcck nach W\u00fcrzburg: W\u00e4hrend wir heute gewohnt sind, dass die Regatten zwar regen Zuspruch von Sportlerinnen und Sportlern erfahren, der Stadtgesellschaft aber weitgehend verborgen bleiben, war das fr\u00fcher anders. Allerdings hatte solche Aufmerksamkeit auch ihren Preis, der im Wesentlichen aus einem sehr viel h\u00f6heren organisatorischen Aufwand bestand: \u201eEine Zeit lang haben wir auch unten ein Zelt gehabt, vor dem Ziel. Das hat schon funktioniert, aber das war dann zu aufw\u00e4ndig. Das war h\u00fcben auf dem Ufer auf unserer Seite, gegen\u00fcber vom Zieleinlauf. Da haben wir dr\u00fcben, wo das Gel\u00e4nde eingez\u00e4unt ist von der Wasser- und Schifffahrtsdirektion, da konnten wir ja unser Zeug reinstellen, und genau gegen\u00fcber an der Br\u00fccke war das Zuschauerzelt.\u201c<br \/>\nAus den vielen Erlebnissen, die es zu erz\u00e4hlen gibt \u2013 eine knappe Stunde dauert das Gespr\u00e4ch nun schon \u2013 wird deutlich, wie wechselvoll die Geschichte des W\u00fcrzburger Regattawesens alleine in den letzten 50 Jahren gewesen ist. Und dennoch: \u201eAber es ist uns immer gelungen, die Regatta am Leben zu erhalten, das war uns immer wichtig, dass es nicht ausf\u00e4llt. Ich glaube, ein- oder zweimal ist es dann sp\u00e4ter mal ausgefallen wegen schlechten Meldeergebnisses. Aber ansonsten haben wir immer wieder gek\u00e4mpft, haben gesagt, um Gottes Willen, dass der Termin nicht bl\u00f6d f\u00e4llt\u2026\u201c Auch das Hochwasser 1998 und Ausbauarbeiten an der Bundeswasserstra\u00dfe Main im Jahr 2001 haben der Regatta zugesetzt. Spontan wurde die gesamte Regatta in diesem Jahr mainabw\u00e4rts nach Miltenberg verlegt (aber das ist wieder eine andere Geschichte\u2026): \u201eRichtig, da war ich auch dabei, die Miltenberger Ausweichregatta! Ja, passiert, aber sie hat \u00fcberlebt! Und das war das wichtigste. Ja, W\u00fcrzburg ist zu einem Begriff geworden!\u201c Dem ist eigentlich nichts hinzuzuf\u00fcgen\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00fcnter J\u00e4ckel geh\u00f6rt zu den \u201eUrgesteinen\u201c des W\u00fcrzburger Rudersports. 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